Freitag, 8. Mai 2015

Mittwoch bis Montag, 13. - 20.04.2015: Auf dem "Pilgerweg des Vertrauens" – Ein Taizé-Treffen in Kiew


Das offizielle Taizé-Treffen startete am frühen Abend in der römisch-katholischen Alexanderkirche. Schon am Maidan waren erste Taizé-Schilder aufgehängt, um den Weg zu weisen und je näher man kam, desto mehr Leute traf man, die mit Wegweisern herumstanden und einen freundlich grüßten. Bei Keksen und Tee konnte man sich ein wenig entspannen und schon die ersten Kontakte knüpfen, bevor man in seiner Begrüßung das Teilnehmerheft, einen Metroplan und natürlich die wichtigen Noten bekam.
Nach dem gemeinsamen Abendgebet im Taizé-Stil zogen Olya, ich und ein paar Freunde zusammen los, um einen Kiewkuchen zu kaufen, denn Olya feierte an jenem Tag ihren 25. Geburtstag. Es war ein wundervolle Nacht im Mosaik-Park, mit lieben Menschen und süßen Verführungen.



Am Donnerstag stand eine Führung durch das Kiewer Höhlen- oder auch Heiliges Mariä-Himmelfahrt-Kloster an. Die Lawra (Form des monastischen Zusammenlebens und gleichzeitig Ehrentitel) wurde etwa Mitte des 11. Jahrhunderts vom Mönch Antonij gegründet, der sich schon um 1013 in alten Höhlen am Ufer des Dnepr als Einsiedler niedergelassen hatte. Nach und nach kamen mehr Mönche in die Gegend und lebten wie Antonij einzeln in den Höhlen und Grotten als Eremiten, versammelten sich aber zur gemeinsamen Liturgie in den zahlreichen, unterirdischen Kapellen und Räumen. Auch überirdisch wurde die Anlage durch den Bau der Mariä-Himmelfahrt-Kathedrale und weiteren Kirchenbauten erweitert und wuchs so zu einem der bedeutendsten Klöster in Altrussland heran. Im 17. Jahrhundert wurde ihm der Ehrentitel „Lawra“ verliehen. Obwohl „Lawra“ nur die Organisation eines Klosters bezeichnet, in welchem Mönche eremitisch in Zellen leben, aber trotzdem einem gemeinsamen Abt unterstehen und sich zum Gebet versammeln, und hauptsächlich in frühen Palästina verwendet wurde, wurden in der russisch-orthodoxen Kirche nur besonders bedeutende und hochrangige Männerklöster mit diesem Titel bedacht.



Im Zweiten Weltkrieg wurden Teile des Klosters von den deutschen Besatzern zerstört, um den unterdrückten Ukrainern ihre „identitätsstiftenden Kultstätten“ zu nehmen. Erst mit der politischen Wende unter Gorbatschow wurde das Kloster wieder für Mönche geöffnet. Große Teile werden heute als Museum genutzt und auch die Höhlen mit ihren über 100 in kleinen Seitennischen bestatteten Heiligen sind für Gläubige und Touristen zugänglich. Seit 1990 gehört der Komplex außerdem zum UNESCO-Weltkulturerbe und kann mit reichen historischen Kostbarkeiten sowie mit knapp 100m Höhe dem dritthöchsten orthodoxem Glockenturm aufwarten.
Nach dem Mittagessen trafen wir uns in der Universität mit den beiden Philosophen Constantin Sigov und Alexander Filonenko, welche uns auch am nächsten Tag noch begleiten sollten. Ersterer sprach über das Taizé-Lied „The kingdom of God is justice and peace and joy“ und warum das so sei. Nach dem Essen waren aber alle etwas träge und so gestaltete es sich auch für die frommen Brüder als schwierig, die Augen offen zu halten. Da wir unseren Zeitplan nicht recht einhalten konnten, kamen wir recht spät am Maidan an, weshalb die dazugehörige Führung auch kurz ausfiel, hatten wir schließlich eine Verabredung mit Bohdan Dzyurakh, Weihbischof der Ukrainischen Griechisch-Katholischen Kirche, der mit uns eine Andacht zum Gedenken der während der Maidan-Demonstrationen getöteten „Göttlichen 100“ feierte. Die ganze Institutska-Sraße hoch sind Bilder derer aufgestellt, die insbesondere zwischen dem 18. und 20. Februar während der Scharfschützenattacke aus dem Hotel Ukraina heraus kaltblütig ermordet wurden. Blumen, Kerzen, Bänder in ukrainischen Farben sowie zahlreiche Rosenkränze schmücken die bedrückenden Aufnahmen.

Am Maidan

Die Institutska-Straße hoch



Um nur einen ganz kurzen Exkurs zu geben (der keinerlei Anspruch auf Wahrheit hat, denn er beruft sich auch nur auf Recherche und dem, was mir in der Ukraine erzählt wurde, sowie einigen Überlegungen, die ich selbst für logisch und folgerichtig halte): Der sogenannte Euromaidan begann Ende November 2013, nachdem der damalige Präsident Wiktor Janukowytsch überraschenderweise das von vielen ersehnte Assoziierungsabkommen mit der EU nicht hatte unterzeichnen wollen. (Man beachte jedoch, dass sich z.B. auch unsere Kanzlerin Angela Merkel nur kurz vorher gegen das Abkommen ausgesprochen hatte, da sie die Ukraine noch nicht bereit dafür sah.) Die vorher weitestgehend friedlichen Studentenproteste für z.B. eine Lockerung der VISA-Bestimmungen eskalierten am 30. November, als bewaffnete Truppen der polizeilichen Spezialeinheit Berkut die Demonstranten unter dem Vorwand, einen Weihnachtsbaum aufstellen zu wollen, gewaltsam auseinandertrieben. Empört vom Vorgehen der Regierung gegen „ihre Kinder“ kamen im Dezember bis zu 500.000 Menschen auf dem Maidan zusammen, demonstrierten für den Rücktritt Janukowytschs und begannen mit der gewaltsamen Besetzung von öffentlichen Gebäuden wie dem Kiewer Rathaus. Zu dieser Zeit starteten die (vergleichsweise kleinen) Proteste auch in anderen ukrainischen Großstädten wie Lemberg. Außerdem organisierte sich sehr schnell ein großer Kreis Freiwilliger, die nach ihrer oder sogar anstatt ihrer Arbeit auf dem Maidan halfen Tee zu verteilen, Essen zu kochen oder Verwundete zu versorgen, aber auch Steine aus dem Asphalt zu klopfen, die als Wurfgeschosse dienen konnten.
Seit dem 18. Februar 2014 kam es auf dem Maidan noch einmal zu heftigeren Kämpfen zwischen Demonstranten und Polizei, bei welchen nach offiziellen Angaben insgesamt etwa 130 Oppositionelle getötet wurden. Die Wende brachte der 20. Februar: Das eigentlich ausgehandelte Waffenstillstandsabkommen wurde besonders vom rechten Sektor der Maidan-Bewegung nicht anerkannt. Sowohl Polizei als auch Protestierende beschossen sich gegenseitig mit scharfen Waffen, bis sich die Berkut nach der Rückeroberung von Stadtgebiet unerwartet die Institutska-Straße hoch zurückzogen. Ihnen nachstürmende Demonstranten wurde dabei kaltblütig von Scharfschützen aus dem eigentlich von der Maidan-Bewegung besetzten Hotel Ukraina beschossen. Und das ist der Clou: Das stundenlange Massaker ließ Janukowytsch auch innerhalb seiner eigenen Partei den Rückhalt verlieren und er floh noch am Folgetag nach der Unterzeichnung des Vertrages zur Beilegung der Krise aus dem Land. Dass aber nachweislich (wie monatelange Recherchen verschiedener Wissenschaftler und Journalisten belegen) aus mehreren von der Maidan-Bewegung besetzten Gebäuden geschossen wurde und das sowohl auf Polizisten als auch auf Maidan-Teilnehmer sowie vollkommen Unbeteiligte und Journalisten (wie ballistische Befunde aufzeigen), wirft kritische Fragen auf und lässt die Vermutung zu, dass Mitglieder des rechten Sektors den Terror gezielt inszeniert hatten, um den Rücktritt Janukowytschs und somit den Machtwechsel zu erzwingen. Insgesamt kosteten die Kämpfe etwa 130 Oppositionelle das Leben, inoffizielle Quellen (wie Ärzte) berichten jedoch von um die 700 Opfern.

Am nächsten Tag stand ich vor Tau und Tag auf und machte mich, der liebevoll ausgedruckten Wegbeschreibung meiner Gasteltern folgend, auf den Weg zu einer Metrostation unweit unserer Wohnung, wo ein Bus unsere ganze Gruppe abholen und in das Dorf Lishnya (Лішня) bringen sollte. Obwohl uns eingetrichtert worden war, sehr pünktlich zu sein, warteten wir mehr als eine halbe Stunden auf die letzten Nachzügler und ich bereute sehr, mein Bett zu frühzeitig verlassen zu haben.
In Lishnya nahmen wir an der orthodoxen Liturgie zum Fest der „lebensspendenden Quelle“ teil, wobei es sich dabei sowohl um eine Marienikone handelte (Maria als lebensspendende Quelle) als auch um eine tatsächliche Quelle, zu der wir nach einem schmackhaften und reichlichen Mittagessen prozessierten. Zur Unterstützung hatten wir während der Messe ein vielseitiges Dokument gereicht bekommen, in welchem der gesamte Messablauf in Ukrainisch (sowie Russisch und Kirchenslawisch) und auf der anderen Seite auf Englisch abgedruckt war, sodass jeder dem Geschehen gut folgen konnte. Am Ende bedankte sich der Priester recht herzlich für unser Kommen und jeder bekam ein kleines, typisch ukrainisches Osterbrot geschenkt. Priester und Beschenkter küssten sich dabei nach der Übergabe als Zeichen gegenseitiger Achtung auf die Hand (und zwar gleichzeitig).


Als wir zur Prozession aufbrachen, schloss sich uns auch der Bischof der Region an. An der tief im Wald gelegenen Quelle fand ein kurzes Gebet statt, dann tauchte man das Kreuz 3 Mal in die Quelle, um sie somit zu segnen und zu bitten, sie möge nicht versickern, sondern weiterhin Leben spenden. Dann wurde ein Krug mit dem reinen Wasser gefüllt und alle kräftig abgespritzt. Hinterher konnte sich jeder selbst noch mit dem Quellwasser waschen, es trinken oder für später abfüllen. Auch die Kinder des Dorfes waren alle mit kleinen Pappbecherchen ausgestattet.




Der folgende Austausch beim BBQ im Wald war wunderschön, er kostete uns aber auch viel Zeit. Noch dazu kam, dass wir auf der Rückfahrt über 2h im Stau standen und so unsere Vesper mit dem Großerzbischof und damit Oberhaupt der ukrainischen griechisch-katholischen Kirche, Seiner Heiligkeit Swjatoslaw Schewtschuk, verpassten. Wir hielten trotzdem das geplante Taizé-Gebet mit Anbetung am Kreuz in der Auferstehungskirche ab und es war bewegend, wie die Ukrainer diese ihnen vollkommen fremde Tradition aus Taizé aufnahmen und mitlebten. In dem folgenden Treffen im Keller der erst 2011 eingeweihten Kathedrale ergaben sich für mich erstmals gute und tiefgründige Gespräche, war vorher das Programm immer sehr voll gestopft gewesen und kaum Zeit und Raum für innigen Austausch geblieben.

Seine Heiligkeit Swjatoslaw Schewtschuk mit Bruder Alois

Anbetung am Kreuz

Mit dem Samstag brach auch schon unser letzter Tag in Kiew an. Ich packte bereits am Morgen meine Sachen und verabschiedete mich von meiner Gastfamilie, weil ich mein Gepäck bei Olya zwischenlagerte, die näher am Zentrum und am Bahnhof wohnte. Dann trafen wir uns in der Sophienkathedrale, einem christlichem Sakralbau aus dem 11. Jahrhundert, der mehrmals zerstört, aus- und umgebaut wurde, seit 1990 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört und heute vielmehr als Museum dient. Nur einmal im Jahr zu Ostern darf jede in Kiew ansässige Konfession eine Liturgie in ihr feiern. Auch wir hatten eine touristisch angehauchte Führung, die sich jedoch als recht langweilig herausstellte, weshalb ich umso fröhlicher war, als hinterher die verschiedenen Workshops begannen. Man hatte sich bei der Anmeldung einen auswählen können und das Angebot vom Besuch von Flüchtlingen aus dem Osten der Ukraine über ein Treffen mit Priesterseminaristen in Lavra hin zu Mutter Theresa Schwestern machte die Entscheidung nicht einfach. Ich schloss mich schließlich einer Gruppe an, die verwundete Soldaten im Militärkrankenhaus besuchte. Der uns begrüßende Geistliche nannte uns zunächst ein paar erschreckende Fakten: So waren in dem Krankenhaus seit Ausbruch des Krieges in der Ostukraine schon mehr als 5000 Soldaten behandelt worden und das in einem Jahr. Verglichen mit dem Afghanistan-Konflikt, im Zuge dessen innerhalb von 10 Jahren etwa 750 Soldaten behandelt wurden, ist das eine große Zahl, zumal das Hospital in Kiew nicht das einzige in der Ukraine ist, welches momentan nur Soldaten aufnimmt. Zu Hochzeiten hätten die Ärzte stundenlang ohne Pause durchoperiert – 5 Tage und Nächte lang sei das Licht im OP nicht erloschen. Er berichtete uns auch von einem Patienten, der schon seit 8 Monaten im Koma läge. Anderen ginge es vergleichsweise gut: Zwei junge Männer, die wir besuchten, waren schon seit fast 10 Monaten hier. Der eine hatte eine tiefe Wunde am Fuß und Unterschenkel gehabt, ein französischer Arzt an der Front meinte, man müsse amputieren. Aber nach 28 Operationen und viel Ruhe kann der Junge nun schon fast wieder alleine laufen und ist oft mit Freunden und Familie unterwegs.

Sophienkathedrale

Marienbild aus Ostereiern

Kinder aus der ganzen Ukraine schreiben und malen
für die verwundeten Soldaten

Für die Ukrainer sind ihre Soldaten „Helden“ und das merkt man nicht nur an den 5 Orden, die jeder von ihnen schon bekommen hat. Auf mein zaghaft kritisches Nachfragen erklärte man mir, dass ja auch in der Bibel stünde, es gäbe nichts größeres, als sein Leben für einen Freund zu geben. Und ja – viele Soldaten schützen verletzte oder gefallene Kameraden mit ihrem eigenen Körper, um ihnen zu helfen und sie zu bergen.
Betroffen und nachdenklich erreichten wir unsere letzte Station, die orthodoxe Verklärungs­kathedrale. Dort feierten wir den Abenddienst, eine Art Vesper, mit, welche Antipascha genannt wurde. Als Antipascha bezeichnet man eigentlich den ersten Sonntag nach Ostern (okay, es war quasi die Vorabendliturgie). Da die Auferstehung Christi ein so hohes Fest ist, dass man ihm nicht nur ein Mal im Jahr gedenken will, feiert man sie an jedem achten Tag. (Das kommt wohl daher, dass der eine Weile nicht anwesende Apostel Thomas dem auferstandenen Jesus noch nicht begegnet war und am achten Tag nach seiner Auferstehung nicht so recht glauben konnte, dass es wirklich Jesus war, der sie da besuchen kam. Erst, als er seine Hände in die Wunden legen durfte, glaubte er. Das ständig neue Feiern der Auferstehung soll also auch dem Unglauben entgegenwirken.) Der erste Sonntag nach Ostern ist das erste Mal der achte Tag, an welchem gefeiert wird, obwohl nicht Ostern ist, „Antipascha“ bedeutet nämlich so viel wie „anstelle des Pascha“ oder eben „anstelle von Ostern“. Der Antipascha-Sonntag oder auch Thomas-Sonntag ist damit außerdem der wahrhaft achte Tag nach Ostern und gleichzeitig der „erste Tag“ der folgenden Tage (da er ja auch Pascha ist, wenn auch „nur“ Antipascha), ohne dass er von einer Nacht geteilt wird. Denn natürlich feiern wir rein rechnerisch jeden siebten Tag Eucharistie, in der Theologie der orthodoxen Kirche ist es aber jeder achte Tag, weil der erste und achte Tag stets zusammenfallen – ich sehe, ihr versteht das schon [1 2].
Während der Liturgie zeichneten sich alle anwesenden Priester mit einem Pinsel ein Ölkreuz auf die Stirn und am Ende der Feier konnte sich jeder Gläubige auch auf diese Art segnen lassen. Das gleiche geschah am Sonntag in der Messe. Als ich aber fragte, was es mit dieser Besonderen Form der Salbung auf sich hätte, entgegnete man mir, das sei nichts Ungewöhnliches und nicht nur für diesen speziellen Festtag reserviert.




Bevor unser Zug am Ende nach Lemberg aufbrach, wollte Olya uns noch mit einem echten ukrainischen Borschtsch überraschen und obwohl wir ihr einredeten, dass Rote Bete sehr lange zum Kochen brauche, ließ sie sich nicht davon abbringen. Also schälten wir Möhren, schnitten Pilze und brieten und kochten, was das Zeug hielt. Sogar das gerufenen Taxi – wir waren schon viel zu spät für die Straßenbahn – musste eine Weile auf uns warten. Und dann befand sich unser Zugabteil auch noch am Ende des Bahnsteigs. Trotzdem waren wir natürlich pünktlich und ich kam in den Genuss einer weiteren Fahrt im Sowjetzug.

Mein friedlicher Schlaf wurde vom dem lauten Gelaber unserer Zugbegleiter jäh unterbrochen, noch lange bevor wir unser Ziel erreicht hatten. In Lemberg selbst wurden wir dann von einem neuen Team Freiwilliger und Helfer sowie zahlreichen Keksen begrüßt und in einem langwierigen Prozess mit unseren Gastfamilien in Kontakt gebracht. Wir waren zwei deutsche Mädels bei unserer Gastmutter Tatjana, welche als Fremdsprache nur Polnisch beherrschte. Welch ein Glück, dass ich in den 7 Monaten meines Freiwilligendienstes schon eine solide Polnischbasis aufbauen konnte und nun eine erste Gelegenheit bekam, meine Fähigkeiten als Dolmetscher anzuwenden. Überhaupt war Polnisch besonders im ehemals polnischen Lemberg sehr nützlich: Irgendwann fragte ich die Leute schon gar nicht mehr, ob sie denn Englisch sprächen, sondern quatschte sie einfach auf Polnisch zu, denn selbst wenn sie es nicht sprachen, verstanden sie es doch. So konnte ich mich doch ganz gut durch die Stadt navigieren, auch wenn ich 5 Leute fragen musste, bis ich die Post fand. (Und man kann Briefmarken nur in der Post kaufen – warum kannten die alle den Standort ihres Postamtes nicht?)
Unsere Gastmutter fuhr mit uns und ihrer Tochter zum Sonntagsgottesdienst, wo wir noch 4 andere Teilnehmer der Pilgerfahrt trafen. Nach der Messe trafen wir uns mit dem Priester der Gemeinde und er berichtete von dem neuen Kirchenbau, vom Engagement der Gemeinde für den Krieg (sie stellen z.B. Tarnnetze her und sammeln Sachspenden für Flüchtlinge) und zeigte uns den Musikraum der Jugend. Hinterher waren wir zum Mittagessen eingeladen und bummelten ein bisschen durch die Stadt, bevor in der römisch-katholischen Verklärungskathedrale mit einem langen Taizé-Gebet der offizielle Abschluss des Treffens begangen wurde. Hinterher gab es aber noch die Möglichkeit an einer Stadtrundfahrt teilzunehmen oder gemeinsam ein Oster- und Folklore-Festival zu besuchen. Ich hatte eigentlich letzteres tun wollen, aber angesichts der sehr kalten und windigen Wetterlage und meiner nicht genügend warm haltenden Kleidung entschied ich mich dagegen und verbrachte den Abend stattdessen mit Olya, Lioba und deren Gasteltern in einem gemütlichen Café. 

In unserer Gastgemeinde

Mit meiner Gastmutter und -schwester

Beim Abschlussgebet

Den Montag nutzte ich für ein bisschen Sightseeing zusammen mit Lioba, bis mich mein (wahrhaft leerer)  Bus schließlich heil und sicher wieder nach Hause brachte.

Die Freiheitsstatur von Lember ...
die Fackel erschlug bei einem Absturz bereits einen Passanten

Tanzende Schirme vor dem Theater

So viel Schnee haben wir in Polen den ganzen Winter lang nicht gesehen

Montag bis Mittwoch, 13. - 15.04.2015: Kleine Erkundsungstouren in der Ukraine


Am Morgen musste ich zeitig aufstehen, um einen Bus um 5 Uhr zu erwischen. Aus irgendeinem Grund fuhr der Bus aber an jenem Tag nicht und so gingen wir zurück, ich schloss meine Augen noch mal für 20min (denn seit meiner Ankunft hatte ich ja über 24h am Stück nicht geschlafen) und endlich, endlich ging es los nach Kolomyja (Коломия). Von dort wollten mich Olya und ihr Vater abholen und sie freuten sich beide sehr, als ich sie mit dem Auferstehungsgruß „Христос воскрес!“ begrüßte. Man nutzt ihn hier in der Ukraine nach Ostern anstatt eines Hallos, je nach Region bis zu zwei Wochen, man könnte aber bis Pfingsten. Der Angesprochene antwortet „Воістину воскрес!” (Er ist wahrhaftig auferstanden!). Schon auf der Fahrt tauschten wir uns heftig über unsere Erlebnisse aus, sodass wir gar nicht mitbekamen, wir schnell die Zeit verging und wie im Flug waren wir auch schon im Olyas Heimatstadt Tschernowitz (Чернівці) angekommen. Nachdem wir uns mit einem leckeren Frühstück gestärkt hatten, brachen wir mit Olyas Cousine Julia bei wärmsten Sommerwetter zu einer Erkundungstour in die Stadt auf. Gleich bei ersten Station, der Universität, schaffte ich es meine Kamera fallen zu lassen, woraufhin sie nicht mehr fokussieren wollte. Also ließen wir sie ein wenig ausruhen und ich genoss es mal keine Bilder machen zu müssen, sondern andere machen zu lassen.

Mit Olya im Universitätsgarten ...

... und in der Uni


Am frühen Abend nahmen wir einen Nachtzug nach Kiew. Verglichen mit dem baugleichen Sowjetzug in Armenien bot dieser hier einen Haufen Komfort: Es gab Luftmatratzen, Laken für das Bett und zum Überziehen der Decke, sogar ein Handtuch und dicke, bauschige Kissen. Der Tee kostete 5 ­UAH, was auch ziemlich billig war, meinte Olya.
War es beim Einsteigen noch brühheiß gewesen, stimmte uns das bald in kalten Regen umschlagende Wetter schon mal auf den wechselhaften April ein. Olya nutzte die friedlichen Stunden, um mir mehr über ukrainische Geschichte, die Maidan-Proteste und die Hungerkatastrophe 1932/33 zu erzählen. 
In Kiew kamen wir mit 10 Minuten Verspätung an. Während mich das nicht sonderlich störte, da ich die alltäglichen Verspätungen der Deutschen Bahn gewohnt bin, regte Olya das schon ziemlich auf und sie war sogar überrascht zu hören, dass im ach so pünktlichen Deutschland gerade die Züge oft auf sich warten ließen.
Ich traf mich mit meinen Gastgebern Olya und Sergej und bei Tee und Osterkuchen tauschten wir uns in einem englisch-deutsch-polnischen Sprachgemisch aus, Sergej hatte nämlich mal in der deutschen Firma gearbeitet und seit einem Jahr lernen beide Polnisch, weil sie nach Polen immigrieren wollen. Es sollte sich also zeigen, dass sich meine Bemühungen mit der polnischen Sprache auszahlten. Sie erzählten mir z.B. über die Katastrophe in Tschernobyl: Sergej, der damals als im nur etwa 120km entfernten Kiew gelebt hatte, wurde von seinen Eltern verboten nach draußen zu gehen. Außerdem musste er bald nach der Katastrophe für 3 Monate in ein Kamp im Westen des Landes, um dem Fallout nicht so stark ausgesetzt zu sein. Als ich meinen Gasteltern von meinen Handyproblemen erzählte und sie mir auch nicht helfen konnten, boten sie mir einfach ihres an. Das ist ukrainische Gastfreundschaft.
Den Nachmittag verbrachte ich allein in der Innenstadt, kraxelte auf so manchen Hügel, denn Kiew ist wie Rom auf sieben Hügeln errichtet, und besuchte viele Kirchen. Über das St.-Michaelskloster ist interessant zu erfahren, dass die Glocken des Turm in der gesamten Geschichte nur zwei Mal geläutet haben, denn sie sollten die Einwohner der Stadt vor Gefahr warnen: das erste Mal im 13. Jahrhundert bei der Invasion Kiews durch die Tataren, das zweite Mal war an dem Tag der Maidan-Proteste, als die Spezialeinheit Berkut die Studenten gewaltsam auseinandertrieb.

St.-Michaelskloster

St.-Andreas-Kirche


Am Mittwochmorgen regnete es sehr stark. Ich wollte mir einen Park mit historischen Gebäuden anschauen, aber angesichts der Wetterlage ließ ich zu, dass wir das Frühstück bis mittags ausdehnten und brach erst dann mit genialer Wegbeschreibung und geborgtem Regenschirm (denn ich hatte meinen in den Bergen vergessen) auf. Dank mehrerer ausgedruckter Karten hatte ich keinerlei Probleme Mamajewa Sloboda (Мамаєва Слобода) zu finden. Von einer Schulklasse abgesehen war ich auch allein und konnte den sprießenden Frühling an der frischen Luft ganz in Ruhe genießen.

Direkt neben neuen Wolkenkratzern ...




Donnerstag, 7. Mai 2015

Freitag bis Sonntag, 10. - 12.04.2015: Orthodoxe Ostern in einem ukrainischen Bergdorf


Mein Freitag sollte stressig werden: Ich hatte noch nicht gepackt, ich hatte meine Kuchen noch nicht gebacken, die Hefe war eh schon alt und ich musste mir Gedanken machen, was ich mitnehmen sollte und wollte und wie ich es mitnehmen würde … Ich setzte also meinen Teig an, hängte meine Wäsche auf in der Hoffnung, sie möge rechtzeitig genug trocknen, ich suchte ein paar Sachen zusammen, klebte meine Eier fertig, formte Zöpfe und buk sie, formte weitere Zöpfe und packte Dinge in Iras großen Rucksack. Schließlich brach ich frühzeitig auf, um auch unter allen Umständen meinen Bus zu erreichen. Ich war sehr zeitig, der Bus kam gegen 10, wo er eigentlich abfahren sollte, und dann brauchten wir eine geschlagene Stunde, um alles Gepäck und alle Leute in den anfangs leeren Bus zu stopfen. 
An der Grenze hatten wir schon eine große Verspätung und standen dann noch ewig herum, bis wir endlich dran waren, dann kam ein schnucker Pole durch und sammelte die Pässe ein, kam ewig nicht wieder, kam wieder, gab uns den ganzen Kram zurück und wir brachen an die nahe ukrainische Grenze auf, wo sich das ganze wiederholte, nur dass der Grenzpolizist nicht so gut aussah, viel professioneller arbeitete und deshalb auch nicht so viel Zeit brauchte. 
In Lemberg mussten wir alle umsteigen. Jetzt übernahm eine ukrainische Kompanie den Bus. Ich schrieb  meiner Freundin Olya, dass wir viel Verspätung haben würden, bekam aber keine Antwort und wunderte mich schon, zumal mein Akku schon vor dem Senden lautstark ankündigte, bald den Geist aufgeben zu wollen. Ein junger Ukrainer machte dann seinen Platz für ein Ehepaar frei und gesellte sich zu mir, natürlich mit der Absicht, sich zu unterhalten. Aber das kam mir gerade recht und weil er in Polen studiert, sprachen wir zuerst sehr viel auf Polnisch. Es war eine gute Übung für mich und wir hatten die ganze Zeit etwas zu erzählen, vor allem auch, weil Igor das Gespräch stets am Leben hielt. Wir sprachen über unsere Arbeiten, die Situation in der Ukraine, orthodoxe Ostertraditionen … am Ende waren wir gegen 15.00 in Iwano-Frankiwsk und Olya hatte noch immer nicht geantwortet. Der Bahnhof war auch nicht in der Nähe und so schlug Igor vor, Olya mal anzurufen. Ein Mann mit ukrainischer Karte bot uns sein Telefon an, stellte aber bald fest, dass die Nummer gar nicht erreichbar war. Was nun? Wir fuhren also mit dem Bus zum (weit entfernten) Bahnhof, um ein wenig Internet abzufassen. Und siehe da … vor dem Eingang lief uns Olya in die Arme. Überglücklich verabschiedete ich mich von Igor und ging mit Olya zu Mittag essen. Wir kauften meine Fahrkarte und sie erklärte mir, wie ich schlussendlich zu ihr gelangen könnte. Da wir bei dem ganzen Gequatsche total die Zeit vergaßen, musste ich meine Wareniki für 3 UAH in eine Plastikbox packen lassen, welche in meinem Rucksack einfach aufging und mir eine fettige Bescherung bereitete.
Zum Bus mussten wir auch rennen, dann kaufte mir Olya noch eine Telefonkarte und sagte dem Fahrer, wo er mich rausschmeißen solle. Und dann fuhren wir in einem vollkommen überhitzten Bus stundenlang durch die Prärie. Irgendwann konnte ich nichts mehr ausziehen und hatte auch nichts mehr zu trinken – ich schaute wohl immer so mitleidig zu meinem Fahrer, ob meine Station endlich da sei, dass er mir schließlich etwas Wasser anbot. An unserem zweiten großen Pausenstop zeigte er mir dann drei Finger. Ach ja, noch 3 Stationen, dann hätte ich es geschafft. Dass er eigentlich 3h gemeint hatte, wurde mir spätestens dann klar, als wir schon viel mehr als 3 Dörfer passiert hatten und keine auch nur im Entferntesten eine hölzerne Kirche gehabt hatte.
Überdies verbrachte ich die erste halbe Stunde damit, mit meiner neuen SIM-Karte zu kämpfen. Zuerst vergaß ich die Hälfte des Aufladekods, hinterher konnte ich aber immer noch niemanden anrufen und das Senden von Nachrichten schlug auch fehl, sodass ich auch niemanden auf meine Ankunft vorbereiten konnte.
Die Kirche meines Dorfes lag ganz am Ende. Ich dachte schon, wir würden einfach fortfahren, weil der Fahrer die Kirche nicht fand, aber stattdessen begrüßte mich eine einladende Treppe hinauf zu einer wunderschönen Holzkirche, neben dem bunten Friedhof inmitten von grünen Wiesen. Es war noch etwas hell, trotz 5-stündiger Gorkelei. Ich steuerte das Haus an, das am ehesten wie ein Wohnhaus aussah und siehe da, ein Mädchen meines Alters öffnete mir und schließlich kam auch ihr Bruder Pavlo bald herbei gesprungen, um sich um mich zu kümmern. Ja, vielleicht sollte ich erwähnen, dass ich zu Gast bei der Familie des Priesters war und dass das gar nicht verwunderlich ist, da der niedere Klerus in der orthodoxen Kirche heiraten darf.
Nachdem ich mich ein wenig ausgeruht hatte, erzählte mir mein Gastbruder von einigen Besonderheiten der Karpaten. In Kryworiwnja (Криворівня) gibt es zum Beispiel eine ganz besondere Weihnachtstradition: Nach Weihnachten ziehen, natürlich rein männliche, Sängergruppen zwei Wochen lang bis Jesu Taufe durch das Dorf und besuchen alle Häuser. Sie singen an jeder Tür Weihnachtslieder und das bis zu 4h pro Haus, denn wenn der Herr des Hauses die Sänger nach innen einlädt, werden die Stimmbänder gehörig strapaziert. Andererseits auch der Magen, da man den ganzen Tag ordentlich zulangen soll. Ausgestattet sind die Sänger mit schweren, schwarzen Wollkostümen, Äxten und Hörnern sowie der „Trembita“, einer Art langem Alpenhorn aus Birkenholz. Das Singen in der Gruppe ist harte Arbeit, weshalb man bei der Aufnahme in den Chor eine Art Vertrag unterzeichnet und sich damit verpflichtet, jedes Jahr (zumindest für ein paar Tage) mit umherzuziehen. Zur Aufnahme wird der Neuling von jedem Gruppenmitglied mit der Axt geschlagen und muss, vom Alter unabhängig, einen Wodka-Shot trinken.


Nachdem wir noch ein paar Vorbereitungen getroffen hatten (XB aus Nelken in Butter gesteckt etc.), duschte ich mich und zog mich um. Doch dann bot mir Vater Iwan, mein Gastvater an, für die Messfeier die typisch huzulische Tracht zu tragen – welch eine Ehre, so etwas hätte ich mir im Leben nicht träumen lassen. Und natürlich sagte ich ja. Also streifte ich das typisch bestickte Kleid über, dann die beiden schweren Rockteile. Schließlich schnürte mir Vater Iwan mit dem Gürtel die Taille eng, bevor ich noch die Wolljacke überzog, eine Perlenkette um den Hals gelegt bekam und alle mit meinem Versuch belustigte, das Kopftuch selbst zu binden. Tadaa … da stand ich, schon gar nicht mehr von den Einheimischen zu unterscheiden.


Die ersten beiden Stunden in der orthodoxen Messfeier, welche um Mitternacht begann, wurden vom gemischten Chor viele Psalmen gesungen. In für mich zufälligen und unregelmäßigen Abständen kamen der Priester, sein Diakon und seine Ministranten mit Kerzen und Weihrauch heraus, zogen durch die ganze Kirche und inzensierten die Ikonen. Am Weihrauchfass waren dabei wie typisch in der orthodoxen Kirche viele kleine Glöckchen befestigt, welche die ganze Zeit bimmelten.


Pavlo erzählte mir, dass am Karfreitag das Grabtuch Christi in einer feierlichen Prozession um die Kirche getragen worden war. Bis zur Osternacht lag dieses Tuch dann in der Kirche aufgebahrt und die Gläubigen kamen und küssten es (so wie ja oft Ikonen und wichtige Bücher auch geküsst werden). Nun aber wurde in diesem ersten Teil der langen Messefeier das Leichentuch fortgenommen und schon stellten sich alle zur Prozession bereit. Verschiedene Kreuze wurden von Männern getragen, die jeweils in doppelter Ausführung vorhandenen Banner jeweils von Männern und Frauen, wobei alle Frauen links und alle Männer rechts standen. Vier junge Frauen trugen ein Marienbild vorneweg. Dann umrundeten wir drei Mal die Kirche. Bei der dritten Umrundung machten wir nach jedem Viertel eine Pause und sangen „Lumen Christi“ (natürlich in Ukrainisch), also insgesamt auch drei Mal. Es folgten ein sehr schöner Antwortgesang und für eine ganze weitere Stunde Psalmen. Dann wurde das Johannesevangelium in Griechisch, Latein, Kirchenslawisch und Ukrainisch vorgetragen. Bei der letzten Variante, der ukrainischen, wurden nach jeder Phrase Glocken geläutet und alle bekreuzigten sich. Es folgte eine kurze Ansprache, ich glaube, es war die Verlesung eines Briefes, aber sicher bin ich mir nicht, denn ich habe natürlich nichts verstanden. 


Mich übermannte während des langen Stehens und Wartens irgendwann die Müdigkeit und ich ertappte mich dabei, wie ich einschlief, ein bisschen nach vorne kippte und nur durch den Adrenalinstoß des Fallens hinterher wieder hellwach war. Schließlich rückte endlich nach der langen Wandlungszeremonie die Kommunionfeier näher, zu der mich Vater Iwan ausdrücklich und herzlich eingeladen hatte. Zuerst gingen die Männer zur Kommunion. Erst danach waren wir Frauen dran, ich bin aber nicht sicher, ob das wirklich eine Regel oder nur Tradition ist. Auf dem Weg zum Priester küssten alle die Ikonen, die wir passierten, und schlugen ein Kreuzzeichen. Dann bekam man ein Stück in Wein eingelegtes Brot als Leib und Blut Christi. Dabei wurde der jeweilige Namenspatron mit angerufen – Vater Iwan musste tatsächlich alle Namen seiner Gemeinde auswendig kennen. Eine Art festliches Lavabo diente zum Abtupfen des Mundes, zum Abschluss bekam man einen Schluck Wasser und ein weiteres Stück eines sehr großen, süßlichen Brotes, welches mit der ganzen Gemeinde geteilt wurde.

Am Sonntagmorgen nach der langen Nacht versammelten sich alle mit ihren Osterkörben um die Kirche, etwa gegen 7:30 Uhr. Wie in Polen pflegt man in der Ukraine die Tradition bestimmte Speisen für das Fest segnen zu lassen. In das ukrainische Körbchen gehören auf jeden Fall Käse (regional, u.a. geräuchert), Braten und Würste, Salz und Zucker, Pascha, Pisanki, Meerrettich, Butter mit Dekoration aus Anis sowie ein Lamm. Das ganze etwa 1500 Seelen umfassende Dorf hatte sich um die Kirche geschart und Korb an Korb bildete einen großen Kreis um das Gotteshaus. Der Priester zog nun samt Wimpeln und Auferstehungsbild von einem kleinen Chor begleitet an den Leuten vorbei und räucherte sie zuerst ein bisschen mit Weihrauch ein, bevor in der zweiten Runde alles mit Weihwasser besprengt wurde. Männer gingen herum und sammelten von jeder Familie ein Ei ein, welche als Geschenk für die Familie des Priesters gegeben werden. Auch ich durfte mir von der großen Zahl roher, wundervoll bemalter Eier ein paar als Andenken mitnehmen.



Wir machten uns nun auf den Weg zu den Großeltern zum Osterfrühstück, zu welchem roter Borschtsch serviert wurde und außerdem in Gelee eingekochtes Fleisch (холодне з курки), was man mit unserer Sülze vergleichen könnte, nur dass die Konsistenz etwas weicher ist. Natürlich vergriffen wir uns auch an den geräucherten Käsereitern, den Hefekuchen und belegten unsere Kartoffelbrote mit Wurst, Räucherfleisch und Rote Bete-Meerrettich-Aufstrich. Der Großvater konnte ein bisschen Deutsch, zeigte mir seine in München gedruckten Bücher und schenkte mir am Ende ein in ukrainischer Sprache verfasstes Werk seines Institutes, welches sich, wie ich es verstand, mit ukrainischer Kultur befasste. Wenn ich es jetzt nur noch lesen könnte, würde ich es ja glatt mal durcharbeiten … ;)
Nach dem Frühstück war ein Vormittagsschläfchen angesagt, da wir ja die ganze Nacht nicht geschlafen hatten. Trotzdem war ich kaum müde und so chillten Pavlo und ich aus auf die Veranda, klappten das Sofa aus und genossen das warme Wetter und die frische Luft.
Die ersten Glocken erklangen vielleicht gegen 2 oder 3 Uhr. Es ist Tradition, dass jeder, der will, die 3 Tage nach Ostern, also bis zum Dienstag, die Glocken läuten darf, um von Jesu Auferstehung zu verkünden. Gerade bei Kindern ist das natürlich beliebt und da die ganz Kleinen nicht in die Osternacht mitkommen und Kinder ja generell immer sehr viel Energie haben, war es im vorangegangenen Jahr anscheinend unmöglich gewesen war, einzuschlafen, weil ständig jemand die Glocken klingen ließ.
Endlich brachen wir zu einer kleinen Tour auf die Berge auf. Oh, wie hatte ich das hügelige Land vermisst, da Warschau ja flacher ist als eine Scheibe Brot und auch meine Ausflüge bisher eher in Städte geführt hatten, die auch nicht allzu bergig waren. Es ließ meine Seele lachen steil bergan über eine ehemalige Weide zu stapfen, kleinen, bellenden Hündchen entgegen, den Blick über das Tal genießend. Trotz des zugezogenen Wetters hatten wir uns zu dieser Tour entschlossen, ausgestattet mit meinem schon etwas mitgenommenen SAG-Regenschirm. Natürlich gerieten wir aber geradewegs in einen kurzen, aber heftigen Regenguss, sodass wir tropfnass wieder im Tal ankamen.


Auf dem Kirchhof hatten sich die ersten Kinder zum Spielen versammelt. Eine weitere Tradition ist nämlich, dass die Kinder (und natürlich auch die Erwachsenen) in der Woche nach Ostern auf dem Kirchplatz spielen dürfen (was sonst der Anstand verbietet). Nachdem ich also die Glocken geläutet hatte, schlossen wir uns der kleinen Gruppe an. Aber erst nach der Nachmittagsandacht, als wirklich viele zusammengekommen waren, machten das Spielen großen Spaß. Wir spielten die ukrainische Variante vom Plumpssack. Jeder, der gefangen wurde, wurde zum Frosch und musste in der Mitte warten. Am Ende bekamen alle Frösche eine Strafe. Ich wurde zuerst mit meiner Strafe bedacht und durfte 10 Runden um die Kirche rennen. Der nächste musste 30 Liegestütze machen, die meisten anderen hatten aber nicht so anstrengende Strafen. Naja, ich hatte ja die ganze Osterzeit nur gegessen … das kleine Sportprogramm tat mir ganz gut.


Dann bauten wir eine Kapelle aus Leibern, ebenfalls Tradition und anscheinend auch nur in diesem Dorf. Unsere Jungs nahmen uns Mädels auf die Schultern, ein kleiner Junger kam als Kirchturm oben drauf und dann zogen wir so um die Kirche und riefen „Христос воскрес!“ (Christus ist auferstanden!). Später bauten wir dann noch zwei Kapellen und jenes Mal durften die kleineren Kinder auf unsere Schultern.

Donnerstag, 23. April 2015

Samstag bis Montag, 04. - 06.04.2015: Wielkanoc – Über das polnische Osterfest

Am Karsamstag ist in Deutschland eher ein ruhiger Tag. Die letzten Vorbereitungen laufen, der ein oder andere macht ein paar Ausflüge. In Polen hingegen gehen alle mit ihren Osterkörben, koszyczek genannt, in die Kirche. Traditionell geht das jüngste Kind der Familie zur Segnung der Speisen, aber heute gehen meistens alle zusammen. In meiner Gemeinde wurde alle 15min die Segnung der Osterkörbe angeboten und zum ersten Mal konnten wir unsere neue (aber natürlich noch immer im Bau befindliche) Kirche von innen besuchen. In einen typisch polnischen Korb gehören folgende Dinge: Brot, Eier (bemalt oder beklebt), Salz, Würste (kiełbasy), Meerrettich (chrzan), Babka (eine Art Rührkuchen) und ein Lamm (baranek) aus Teig, Zucker, Schokolade, Wachs oder Gips. Das Brot ist Symbol Christi als Brot des Lebens. Die Eier sind Zeichen von Auferstehung und neuem Leben. Das Salz (und manchmal auch Pfeffer) ist Zeichen von Echtheit und Unsterblichkeit und damit Symbol für das Bündnis zwischen den Menschen und Gott sowie für Gastfreundschaft und die Reinigung des Herzens. Würste stehen für Wohlstand. Der manchmal von Region zu Region unterschiedlich auch beigefügte Käse steht für die Freundschaft der Menschen zu ihren Nutztieren. Der gesegnete und zum Osterfrühstück verspeiste Meerrettich erinnert daran, dass die Bitterkeit der Folter und der Schmerzen Jesu überwunden und auch für uns überwindbar sind. Der in guten Familien selbst gebackene und nicht gekaufte Babka-Kuchen steht für Talent und Tugend und die Lamm-Figur schließlich für das Lamm Gottes, für das gebrachte Opfer, welches gleichzeitig Geschenk und Erlösung ist.

In unserer neuen Kirche

Unser Osterkorb

Schon am frühen Samstagabend, um 19:00 Uhr, stand die nächste Messe auf dem Programm und ich fragte mich, was hier wohl kommen möge, denn für eine Osternacht war es doch noch etwas zu früh. Und außerdem erwartete uns noch ein Gottesdienst am Sonntagmorgen um 6:00 Uhr. Kurz vor Beginn der Feier wurde die Monstranz ohne großes Aufhebens vom Seitenaltar weggeholt. Dann begann wir draußen vor der Kirche und versammelten uns um das Osterfeuer, in welcher jeder seine Palmzweige verbrennen lassen konnte. Dann kamen die Priester und Ministranten heraus gezogen und das Feuer wurde gesegnet und die Wundmale an der Osterkerze (Paschał) angebracht. Eigentlich war die ganze Aktion witzlos, denn es war noch ziemlich hell draußen und es kam gar nicht so richtig zur Geltung, dass das Licht der Osterkerze bei jedem „Lumen Christi“ weiter an die Gemeinde verteilt wurde, zumal im Inneren der Kirche schon das Licht brannte. Viele bringen hier in Polen übrigens ihre Taufkerzen mit in die Osternacht, da die Erneuerung des Taufversprechens ein bedeutender Bestandteil der Liturgie ist.
Wegen des schon brennenden Lichtes wurden beim Excultet und auch bei den Lesungen keine Kerzen gehalten.Wir hatten übrigens 5 der 7 möglichen Lesungen – über die Erschaffung der Welt, die Opferung Isaaks, den Auszug aus Ägypten (welche durch ein Hosanna zu Ende geführt wurde), eine Jesaja-Lesung und den Hezekiel-Text. Das Gloria wurde mit tosendem Glockengeläut begrüßt und in gleichem Augenblick wurden die Altarkerzen entzündet. Nach dem Tagesgebet folgten wie gewohnt die Epistellesung, Halleluja, Evangelium und die Allerheiligenlitanei. Schließlich wurde bei der Taufwasserweihe die Osterkerze 3 Mal eingetaucht mit der Bitte, der Heilige Geist möge in dieses Wasser hinabsteigen. Bei der Erneuerung des Taufversprechens mussten wir unsere Antworten oft 2-3 Mal wiederholen, weil sie dem zelebrierenden Priester nicht laut genug gewesen waren. Als der Priester dann herum ging, um uns mit dem neu geweihten Wasser zu segnen, zündeten alle wieder ihre Kerzen an. Mit Wasser gespart wurde auch nicht gerade und unser lieber Jugendpfarrer spritzte mit seinem Besen mehr herum, als je in Lobeda. Wir hatten übrigens in dieser Messe auch das größte je von mir gesehene Aufgebot an Priestern (4) und Ministranten (38). Am nächsten Tag wurde außerdem verkündet, dass etwa 800 Leute diese längste Messe des Kirchenjahres besucht hatten. Ich hätte gar nicht für möglich gehalten, dass so viele Leute in unsere kleine Kirche passen.
Nach dem Auszug sangen wir noch ein paar fröhlich-peppige Auferstehungslieder und die Gemeinde begann im Rhythmus mitzuklatschen. Die Atmosphäre war so fröhlich, dass die Priester und Ministranten noch mal raus kamen und sich 3 Mal [1 2 3] eine Zugabe forderten. Als wir ihnen die letzte Zugabe eigentlich verweigern wollten, fingen sie einfach von allein an zu singen – ja, das war mal eine Kirchenparty! ;)

Die Nacht war kurz, denn wir trafen uns bereits um 4:00 Uhr morgens zur Chorprobe. Ich hatte mich schon gefragt, was denn nun noch kommen sollte, wo alles, was wir am Sonntagmorgen in der Messe feiern, schon am Vortag passiert war. Doch auch der Hohe Sonntag (Wielka Niedziela) wartete noch mit einer Überraschung auf. Die erste war das gemeinsame Chorfrühstück mit dem von unserem Chorleiter selbst gebackenem, noch frischem Brot. Schließlich sangen wir uns ein bisschen ein und gingen um 6:00 zum Gottesdienst (Rezurekcja). Die Monstranz stand wie durch ein Wunder wieder an dem Seitenaltar, wo sie am Vortag eigentlich weggeholt worden war. Die Messfeier begann mit einer Prozession zu diesem Altar, die Monstranz wurde aufgenommen, unter den Himmel gestellt und schließlich verließen wir alle die Kirche und prozessierten Lieder singend ein wenig durch unseren Stadtteil, hauptsächlich die Straße hoch und wieder runter. Wenn die Monstranz einem auf dem Rückweg passierte, kniete man sich hin, bis sie vorbei gezogen war. Zurück in der Kirche wurde das Allerheiligste noch ausgesetzt, dann folgte ein ganz normaler Gottesdienst.

Für den restlichen Sonntag waren Ira und ich wieder bei unserer Arbeitskollegin Ania eingeladen, bei welcher ich schon mein Weihnachtsfest verbracht hatte. Traditionell gab es weißen Barszcz zum Frühstück sowie eine Vielzahl an Wurstaufschnitten sowie Salaten. Zu Beginn des Essens teilen sich alle Anwesenden ein Ei und wünschen sich alles Gute. Typische Kuchen sind Babka, Mazurek und Makowiec sowie Käsekuchen (Sernik).

Am Montag freuen sich besonders Kinder und Jugendliche auf den alten Brauch śmigus-dyngus oder auch lany poniedziałek ("gegossener Montag"). Man bespritzt sich gegenseitig mit Wasser, bevorzugt natürlich Freunde und Bekannte. Früher sollte das Übergießen von Frauen und jungen Mädchen Glück, einen guten Mann und eine baldige heirat wünschen. Ob der auch in Tschechien, der Slowakei, der Ukraine und Ungarn bekannte Brauch auf ein heidnisches Ritual zurückgeht oder auf die Taufe des polnischen Herrschers Mieszko I. im 10. Jahrhundert ist nicht eindeutig belegt.

Sonntag bis Freitag, 29.03. - 03.04.2015: Die Hohe Woche

Meine Schilderungen des polnischen Osterfestes beginnen eine Woche vorher am Palmsonntag. Während wir in Deutschland gerne mit bunten Bändern und Eiern verzierte Büschel aus Buchsbaum mit in die Kirche nehmen, werden in Polen Palmzweige aus zum Teil eingefärbtem Stroh gebastelt, welche auch nur selten zusätzlich mit Buchsbaum verziert werden. Wer keinen von zu Hause mitgebracht hatte, konnte zumindest in meiner Gemeinde für 5 zł welche vor der Kirche kaufen. Auch der Priester zog mit einem (sehr langen) Palmwedel ein, welcher während der Messe vor dem Tabernakel platziert wurde. Im Unterschied zu deutschen (Diaspora-)Gemeinden wurde auch während der gesamten Passion gestanden und nach dem Tod Jesu gekniet. Im Deutschland setzten wir uns meistens nach den ersten paar Sätzen hin.

Die Woche nach Palmsonntag verbrachten wir fast täglich mit Chorproben und am Gründonnerstag (Wielki Czwartek – Hoher Donnerstag) war es dann endlich soweit und wir präsentierten ein Repertoire an schönen Chorstücken. Auch an jenem Festtag konnte ich wieder eine Reihe von Unterschieden erkenne, was schon bei der Anzahl der auflaufenden Ministranten anfing. Schon heute konnte ich von meinem erhöhten Emporenplatz 30 Minis zählen, obwohl die wichtigen Aufgaben nur von älteren Ministranten oder alten Männern übernommen wurden. Ein Mann las (die ganze Festwoche über) vor jeder wichtigen Handlung aus einem Heft vor, was nun folgen würde und welchen Ursprung und welche Bedeutung das hätte. Ein zweiter übernahm das Dirigat der Ministranten und der ganzen Gemeinde, bedeutete ihr also zum Beispiel, wann man aufzustehen und sich hinzuknien habe. Zur Fußwaschung waren 12 gestandene, ältere Männer eingeladen worden, während in meiner Heimatgemeinde in Jena auf Vielfalt geachtet wird und Frauen, Männer und Kinder, Erstkommunionkinder, Firmlinge, Ministranten und Mitglieder des Pfarrgemeinderates vertreten sind. Die zum Gloria das letzte mal läutenden Glocken wurden zum Hinknien und Aufstehen durch eine Ratsche und im Hochgebet durch Klappern ersetzt. Die Kommunion wurde in beiderlei Gestalten gereicht. Dazu gab es besondere Hostienschalen mit Vertiefung in der Mitte, in welcher sich der Wein befand. Nach der Eucharistie wurden die übrigen Hostien in einer Prozession durch die ganze Kirche zu einem sehr schön geschmückten und beleuchteten Seitentabernakel gebracht. Während der Prozession knieten die Leute laolawellenartig dort nieder, wo das Allerheiligste vorbei kam, um für einen kurzen Moment wieder aufzustehen und dann zum gemeinsamen Gebet wieder zu Boden zu sinken. Nach der Messe nutzen viele die Gelegenheit zum persönlichen Gebet.

Auch am Hohen Freitag (Wielki Piątek, Karfreitag) führte uns wieder ein Vorleser durch die Handlungen des Tages. So sagte er z.B. an, dass nun die Großen Fürbitten kämen, immer zuerst eine gesungene Einladung mit Nennung des Anliegens, dann eine Zeit des stillen Gebets und schließlich die Zusammenfassung des Gebetsanliegens in der Oration. Nach der ersten Fürbitte begann die Stillezeit aber ohne das gewohnte „Beuget die Knie!“, überdies war sie sehr kurz: Kaum drei Sekunden nach Ende des Gesanges kamen die Mikrofonministranten schon wieder hereingelaufen und die Oration begann.
Als das Kreuz von hinten in einer Prozession nach vorn getragen wurde, knieten wir uns nach jedem Mal Singen „Seht das Holz des Kreuzes ...“ für einen vom Dirigenten angedeuteten Moment lang hin. Auch die Kreuzverehrung sollte sich spannend gestalten: Da zu viele Leute in er Kirche waren, wurde bald nach Beginn der Verehrung ein zweites Kreuz herbeigeschafft. Man machte eine Kniebeuge und küsste dann das Kreuz. Auf jeder Seite stand ein Mini, der die geküsste Stelle danach der Hygiene halber mit einem Tuch abwischte. Wir Chorsänger waren die ersten bei der Kreuzverehrung, da wir danach singen sollten. Und gerade bevor ich dran war wurde angesagt, dass man keine Kniebeuge mehr machen solle, da das zu lange dauere.
Zur Kommunion wurde das das Allerheiligste aus dem Seitentabernakel geholt. Hinterher wurde der Leib Christi in der Monstranz ausgesetzt und schließlich mit der Monstranz zu einem zweiten Seitenaltar prozessiert. Die Monstranz wurde mit einer seidenen Haube überdeckt und die ganze Nacht lang gestalteten verschiedene Gruppen die Anbetung.

Mittwoch, 1. April 2015

Dienstag, 31.03.2015: Wie ein EVS eine gute Hausfrau aus einem machen kann ;)

Ja, wer hätte das gedacht. Noch vor einem Jahr hätte ich jedem einen Vogel gezeigt, der mir gesagt hätte, ich solle etwas kochen, selbst wenn es nur Nudeln gewesen wären. Im Sommer nach dem Ende meiner glorreichen Schulzeit fing ich dann allerdings schon an mit meiner Mutter und meiner Oma das ein oder andere auszuprobieren (vorrangig Pflaumenknödel und verschiedene Spielereien streng nach Rezept). Hier in Polen, in diesem Land ohne Mutti, die für einen kocht und bäckt, entwickle ich mich aber zur Seele unserer WG. Nach meinem ersten großen Backerlebnis, einem Kalten Hund zu meinem Geburtstag, folgten ein echter Weihnachtsstollen, Plätzchen, "normale" Kuchen und die so manche Suppe (ja, ich als einstiger Suppenkasper finde Suppen so schnell und einfach zu kochen, während mir viele Freiwillige sagen, dass sie sich nicht an Suppen trauen, weil sie so viel Zeit in Anspruch nähmen).
Und heute hab ich mich wohl selbst übertroffen. Aber mal ganz von vorne: Am Samstag habe ich vor dem Schlafengehen zufällig meine bunten Bastelquadrate erspäht und hatte spontan Lust, etwas für Ostern zu gestalten. Gesagt, getan. Ich habe im Internet nach schönen Dingen gegoogelt, das einzige aber, was mir zusagte, war ein plastisches Ei, dessen Beschreibung ich einfach nicht öffnen konnte. Völlig besessen davon, ein Ei basteln zu wollen, änderte ich meine Suchanfrage und fand ... ein anderes Ei =) Und dessen Beischreibugsgvideo sagte mir sofort zu, meine Euphorie wurde nur davon gebremst, dass ich 250 Teile brauchte und keine Quadrate. Ich beschloss also bis Montag zu warten und buntes Papier aus dem Kindergarten oder der Foundation zu borgen. Am Sonntag konnte ich mich aber einfach nicht mehr halten und zerschnitt unseren Kalender (ähm, der war natürlich vom letzten Jahr ...). Und bastelte. Und bastelte. Und bastelte den ganzen Tag, so etwa 7h, nur von Essenspausen unterbrochen (reine Arbeitszeit etwa 4-5h ... nun, das meine ich ausgerechnet zu haben). Danach ging ich zum Chor (auch etwa 4h). Und dann ging ich schlafen.
Nun aber zum Dienstag, dem Tag der Tage: Am Montag schenkte ich mein Sonntagsei meiner Sprachschullehrerin zum Abschluss, weil ich meinen Sprachkurs nicht weiterführen werde, und begann hauptsächlich in der Metro mit dem Basteln eines neuen, diesmal farbigen Prachtstückes, welches ich an jenem Dienstag fertigstellte. Dann ging mir das Papier aus und ich beschloss, neues kaufen zu gehen (ich war guter Hoffnung, dass Tesco buntes Kopierpapier hatte, wurde aber bitter enttäuscht). Vorher aber setzte ich eine doppelte Portion Hefeteig an, ich hatte nämlich noch 80g von 100g Hefe übrig und die hält sich ja auch nicht ewig.


Nach meinem (hoffentlich etwa einstündigen) Einkauf – der Teig sollte nämlich eine Stunde gehen – flocht ich aus der Hälfte des guten Stückes einen sechssträngigen Zopf. Und wieder ab damit unter die Heizung. Aus dem zweiten Teil flocht und formte ich ein Osterlamm und einen Osterhasen (auch wenn Ira meinte, es sei eine Maus), welche ich sofort buk. Zeit für ein bisschen Abwasch und mein lang ersehntes Kochvergnügen: Pflaumenknödel. Ich hatte die ersten Pflaumen in unserem Großmarkt erspäht und mich für ein nostalgisches Abendessen entschieden.
Lange Rede, kurzer Sinn: Ich buk an diesem Dienstag einen (wirklich fabelhaften) Osterzopf, zwei Ostertiere, kochte Pflaumenknödel und bastelte an meinem Ei herum ... wenn das mal nicht eine gute Hausfrau aus mir macht ... ;)

Mein OsterHASE vor dem Backen

Mein baranek nach dem Backen

Mein allerliebster, sechssträngiger Osterzopf =)

Mittwoch bis Montag, 18. - 23.03.2015: Von Pol zu Pol oder "Polskibus"

Dieses verlängerte Wochenende verbrachten Ira und ich im Ausland ... im deutschsprachigen Ausland. Unsere Reise nach Wien und Bratislawa stand an. Die Nacht in Polskibus gestaltete sich als schrecklich, auch wenn wir ab Tschenstochau beide einen Doppel Sitz für uns allein hatten und das sogar in der ersten Reihe. Die Aussicht konnten wir in der Nacht ja aber doch nicht genießen und die breite Fensterfront ließ uns sehr frieren – bereits jetzt bereute ich, keine zweite Jacke mitgenommen zu haben, denn es war extrem kalt und die Heizung schien nicht zu laufen. Trotzdem kuschelte ich mich irgendwie auf den Sitz und hoffte aus Müdigkeit ein ums andere Mal, dass wir noch nicht angekommen sein mögen. Anstatt der geplanten 6.45 Uhr wurden wir allerdings bereits eine halbe Stunde eher aus dem Bus in die kalte Stadt Wien geschmissen. Und so suchten wir zunächst das Bahnhofsgebäude auf, ums uns aufzuwärmen und zu frühstücken und auch, um ein bisschen Zeit tot zu schlagen, denn wir gingen noch immer davon aus, man wurde uns gegen 8 vom Westbahnhof abholen.

Frühstück im Hauptbahnhof

Die von Google maps abfotografierte Karte brachte uns zu Fuß an uns Ziel, vorbei an einem dm, in dem ich mich mit Taschentüchern und Ira mit einer Zahnbürste ausstatteten. Auch den Erlebnisbesuch bei Billa ließen wir uns nicht entgehen, auch wenn wir nichts fanden, was schon abgelaufen war und damit für uns gratis gewesen wäre. Am Bahnhof selbst suchten wir dann erst mal Internet, um unserem Host Hussain Bescheid zu geben, dass wir angekommen waren und wo wir uns treffen würden. Nun ja, Pustekuchen. Er war nicht da und bat um ein Treffen um 12 am selben Ort. Das hatte er ja auch mal eher sagen können, als wir noch in der Innenstadt waren oder so. Wir kauften also schlussendlich unser 72h-Ticket und gondelten in das Herz Wiens zurück. Eine erste kleine Tour führte uns am Dom vorbei zur Hofburg, wo wir picknickten, und schließlich zu zwei Museen, Zigeunern und einem Elefanten.

Irgendwo bei der Albertina ;)



Zurück Westbahnhof empfingen wir die Nachricht, eine Station weiter zu fahren, wo wir schlussendlich unseren Gastgeber trafen. Schnell warfen wir unser Gepäck in sein Auto und fuhren gemeinsam in die Stadt, erkundeten die freien Teile des Stefansdomes (denn für manche muss man Eintritt bezahlen), ließen uns ein paar Tipps geben, wo man billig essen kann und wurden dafür mit einer nicht enden wollenden Stadtführung an Orte, die wir schon vom Morgen her kannten, belohnt. 
Wir irrten noch ein wenig durch die alten Gassen, bis wir uns auf den Heimweg machten, denn wir hatten vereinbart uns um 3 oder 15.15 Uhr oder vielleicht auch halb 4 wieder zu treffen. Wir waren etwas zu zeitig und statteten dem nahen Spielplatz einen Besuch ab. Auffallend war, gerade nach dem ausländerfreien Polen, die hohe Anzahl an … ja, Ausländern. Auf dem ganzen Spielplatz sah ich ein österreichisches Kind, der Rest war muslimisch, einige waren jüdisch (erkennbar an ihrer Locke), die Eltern und Großeltern hockten auf Bänken und Sandkastenrändern zusammen und schnatterten.
Wir waren so früh von unserer Erkundungstour zurückgerufen worden, weil unser Host auf Arbeit musste und er uns die Schlüssel seiner Wohnung übergeben wollte. Er hatte nämlich nur einen Satz davon. Wir nutzten die Gelegenheit für ein kleines Picknick und dann ob der uns überkommenden Müdigkeit für ein Nachmittagsschläfchen. Wir hatten uns nämlich vorgenommen, einen Gottesdienst im Stefansdom zu besuchen und bis dahin hatten wir noch ein wenig Zeit. Pünktlich um 7 standen wir dann auf der Matte, erlebten noch den Segen der vorhergehenden Messe mit Weihrauch und Ministranten, bevor unsere eher bescheiden ausgeschmückte Feier begann. Ich genoss aber jeden Zug deutscher Messfeier, schmetterte jedes Lied ausgelassen mit (was mir das Gefühl gab, als einziger zu singen) und ergötzte mich an der Atmosphäre des Domes. Zur Fastenzeit lief eine Aktion: Man konnte Zettel mit Gebeten oder Bitten schreiben und in Würfel hängen, zwischen deren Kanten Bänder gespannt waren. Diese Gebetwürfel wurden dann an verschiedenen Ecken der Kirche aufgestellt und angeleuchtet. Auch Ira wurde Teil dieses großen Ganzen.




Schließlich suchten wir die Ringstraße auf, um das Parlamentsgebäude, das Rathaus und die Uni bei Nacht schön beleuchtet bewundern zu können. Es lohnte sich – mehr schafften wir aber nicht mehr. Nach einer abschließenden Dusche und Plänen für den nächsten Tag fielen wir in unruhige Träume.
Ich musste des Nachts noch Hussain die Tür öffnen. Welch Wunder, dass ich kurz zuvor vom Klingeln der Tür geträumt hatte. Ich erklärte ihm aber gleich, dass wir beabsichtigten, das Haus schon frühzeitig zu verlassen, und er war einverstanden, schlug ein Wiedersehen am Nachmittag vor.
Gegen 9 Uhr brachen wir gen Hundertwasserhaus auf. Obwohl ich kein Fan von Hundertwasser bin und schon viele seiner Arbeiten hatte sehen müssen, besuchte ich natürlich Ira zuliebe diesen Ort, denn sie war von einem Bild seiner Architektur ganz hin und weg gewesen. Als wir ankamen, war es 10 und ich hörte eine Frau auf der Straße sagen, dass es noch eine halbe Stunde bis zur Sonnenfinsternis sei. Wir spazierten also um die künstlerisch wertvollen Säulen herum, an der gestalteten Fassade entlang, schossen ein paar Bilder in der britischen Telefonzelle und machten uns wieder zu Fuß auf den Weg in die Innenstadt. Da die Sonne sehr hell strahlte, war es unmöglich, ohne Sonnenschutz hineinzuschauen. Vor einer Kirche fanden wir aber ein paar Passanten, die das Schauspiel von Sonne und Mond gebannt verfolgten und die uns auch mal einen Blick durch ihre gedunkelten Glasscheiben werfen ließen.
Eigentlich waren wir auf der Suche nach einem Ostermarkt in der Dominikanerbastei, aber nachdem wir besagte Straße hoch und runtergelaufen waren und uns auch die Passanten nichts Genaueres verraten konnten, gaben wir auf und schlugen den Weg zur Ankeruhr ein. Sie zeigt jede Stunde eine andere Figur an und um 12 findet eine Figurenparade statt. Alle Figuren präsentieren sich dann ein Mal, während eine für deren Zeit typische Musik spielt. Als wir ankamen präsentierten sich noch Kaiserin Maria Theresia und ihr Gemahl um nach dem Schauspiel von Meister Joseph Haydn abgelöst zu werden.


Am Hundertwasserhaus

Die Ankeruhr halb 12: Kaiserin Maria Theresia und ihr Gemahl

Anschließend begaben wir uns auf den Weg zum Prater, wo wir eine typisch Wienerische Bosna aßen und ein wenig herumschlenderten. Es war nicht besonders voll, immerhin war Wochentag. Einige Fahrgeschäfte hatten gar nicht geöffnet, hier und da wurden Restaurierungsarbeiten vorgenommen. Wir ließen uns eine Weile von den sich bewegenden Bildern eines Geisterhauses unterhalten, bevor wir beschlossen, nicht damit zu fahren, sondern unser Geld lieber auf einem anderen Ostermarkt für einen warmen Apfelstrudel auszugeben.
Und schon war es Zeit sich mit Hussain zu treffen. Wir sprangen in sein Auto und fuhren ein bisschen durch den Wiener Wald hinaus in die schöne Natur an einen Fluss, wo wir den Sonnenuntergang genießen konnten. Anschließend stieg in unserem Haus eine kleine Privatparty, aber das ist eine andere Geschichte …


Der Prater und sein berühmtes Riesenrad

Ostermarkt ... fast wie zu Weihnachten


party hard ...

Am nächsten Morgen brachte uns Hussaine noch zum nahen Schloss Schönbrunn, bevor er zur Arbeit aufbrach. Uns erwartete dort nicht nur strahlendes Wetter, sondern auch Menschenmassen, die sich über den Vorplatz, den Park und den, ihr erratet es, Ostermarkt ergossen. Der Markt hier hatte erst am Samstag geöffnet und war relativ groß. Es gab sehr viele Essstände, aber noch mehr Buden mit Osterschmuck, oft bemalten oder anderweitig verzierten Eiern. Für Kinder gab es sogar eine Eierwerkstatt. Auch wir flanierten wie zwei Königinnen zwischen den tristen, blattlosen, perfekt beschnittenen Buschreihen, legten eine Pause nahe einem kleinen Springbrunnen ein und versuchten uns vorzustellen, wie es wohl für die Menschen von vor 100 Jahren gewesen sein musste, hier zu leben.
Die letzten Stunden vor unserer Abfahrt nach Bratislava verbrachten wir  auf einer Parkbank im Schlossgarten von Belvedere. Dann liefen wir zurück zum Hauptbahnhof, suchten den richtigen Bus und stiegen erschöpft ein.


Schloss Schönbrunn

Im Schlossgarten findet man lauter putzig beschnittene Bäume


Schloss Belvedere

In Bratislava war es nicht ganz so schwierig, unseren Host zu finden. Nachdem wir uns bei subway gestärkt hatten, nahmen wir einen Trolli zum Hauptbahnhof und liefen ein paar Treppen hinab zur richtigen Wohnung. Durch Zufall kamen wir in den Innenhof des sehr alten Gebäudes, dort gab es aber keine Klingelschilder und so warteten wir einfach ab, wann unser mexikanische Gastgeber Eduardo von seinem Fußballtraining kommen würden. – Wir warteten etwa eine halbe Stunde, denn wir waren recht früh und er etwas spät, aber das Zusammentreffen war sofort sehr offen und gastlich, er lud uns ein, uns wie zu Hause zu fühlen, bot uns Guacamole und Fladenbrot zum Abendessen an und wir redeten noch eine ganze Weile, bevor Ira und ich versuchten, es uns auf der wirklich sehr schmalen Matratze im 2x2m-Raum gemütlich zu machen.
Am nächsten Morgen lud uns unser Gastgeber zu einer Erkundungstour durch die Stadt auf und mit so kompetenter Führung (er hat immerhin einen Stadtführer über Bratislava herausgegeben) gestaltete sich der Trip als höchst interessant und abwechslungsreich, auch wenn sich herausstellen sollte, dass stimmte, was uns alle gesagt hatten: Ein halber Tag reicht, um in dieser kleinen Stadt alles gesehen zu haben. Wir passierten zum Beispiel den Soldaten, den Napoleon damals in Bratislava vergessen hatte und dort noch drei Tage lang auf dem Markt von den Einheimischen versorgt wurde. Oder den Mann, der im Gulli stand und den vorbeigehenden Frauen unter den Rock schaute. Da sein Denkmal schon mehrmals von LKWs ramponiert wurde, die ihn einfach nicht gesehen hatten, macht jetzt sogar ein Schild auf den "man at work" aufmerksam.
Den Nachmittag verbrachten wir zu Hause, zumal ich anfing zu kränkeln. Und die Rückfahrt gab mir dann wahrhaftig den Rest: Im Gegensatz zur Hinfahrt war diesmal die Heizung großzügig angelassen worden und mit jeder Station, jeder einsteigenden Person, jeder Stunde wurde es wärmer, stickiger, heißer in dem verdammten Bus und der Busfahrer wollte uns dann tatsächlich noch etwas Gutes tun und holte noch ein bisschen mehr aus den Heizkörpern heraus, dass meine nackten Füßen auf dem Heizkörper zu brennen begannen. Ich ließ mich also für den Rest der Woche krank schreiben. Trotzdem eine schöne Reise! =)


Mein "Rock" war reichlich knapp ...